Rhetorik üben ohne Kurs: Geht das?
Kurz gesagt
Ja, Rhetorik üben geht auch ohne Kurs, wenn du regelmäßig und mit Rückmeldung trainierst. Zehn Minuten am Tag reichen: laut lesen, Stegreifreden zu Zufallsthemen halten, Aufnahmen mit dem Handy anhören und Füllwörter zählen. Entscheidend ist irgendwann der Schritt vor echte Zuhörer, denn erst dort zeigt sich, ob das Geübte trägt.
Was hat ein Rhetorikkurs, was dir allein fehlt?
Ein guter Kurs bietet drei Dinge: Rückmeldung, einen festen Termin und ein Publikum, vor dem man sich traut. Das Wissen selbst steht auch in Büchern, in jedem ordentlichen Online-Kurs und in Lehrvideos, die du dir abends auf dem Sofa anschauen kannst, ohne dass dabei je ein Wort aus deinem eigenen Mund kommt. Wer allein übt, muss die drei Dinge also anders besorgen. Das geht.
Die Rückmeldung liefert dein Handy. Dazu kommt ein Mensch, dem du vertraust. Den Termin setzt du dir selbst, am besten zur immer gleichen Uhrzeit, damit er nicht jeden Abend aufs Neue gegen Spülmaschine, Mails und die nächste Folge einer Serie verhandelt werden muss. Das Publikum suchst du dir in der vierten Woche, und dazu unten mehr.

Wie kann man Rhetorik selber üben?
Vier Grundübungen, die ohne Material auskommen:
- Laut lesen: zwei Minuten aus der Zeitung, mit Betonung, als läsest du einem Kind die Gutenachtgeschichte vor.
- Stegreifrede: 30 Begriffe auf Zettel schreiben, in ein Glas werfen, einen ziehen und genau eine Minute darüber reden.
- Aufnahme: jede Übung mit dem Handy aufnehmen, anhören und Füllwörter wie „äh“ oder „sozusagen“ mit Strichen zählen.
- Pausenübung: nach jedem Satz bewusst einen Atemzug lang schweigen.
Es ist ein Dienstagabend, kurz vor zehn, die Kinder schlafen, und du stehst in der Küche mit einem Zettel in der Hand, auf dem „Gartenzwerge“ steht. Die erste Minute wird holprig. Die zehnte, eine Woche später, klingt schon wie jemand, der etwas zu sagen hat, auch wenn das Thema diesmal „Fahrradschläuche“ heißt und niemand außer dir zuhört.
Rhetorik üben: ein Plan für vier Wochen
Zehn Minuten am Tag, fünf Tage die Woche:
- Woche 1, Stimme und Tempo: täglich laut lesen und aufnehmen. Ziel ist, langsamer zu werden und Pausen auszuhalten.
- Woche 2, Aufbau: jeden Tag eine Zwei-Minuten-Rede mit Einstieg, einem Gedanken samt Beispiel und einem Schlusssatz, der den Anfang aufgreift.
- Woche 3, Stegreif und Schlagfertigkeit: Zufallsthemen aus dem Glas, dazu eine Gegenrede zu einer Meinung, die du eigentlich nicht teilst.
- Woche 4, Publikum: mindestens ein echter Auftritt vor Menschen.
Hör dir am Ende jeder Woche die erste und die letzte Aufnahme hintereinander an. Es lohnt sich. Der Unterschied ist meistens größer, als du erwartest, und genau dieser Moment hält dich bei der Stange, wenn die Lust nach der ersten Begeisterung nachlässt und das Glas mit den Zetteln langsam einstaubt. Zähl die Füllwörter pro Minute und schreib die Zahl auf einen Zettel am Kühlschrank.
Wo finde ich echte Zuhörer?
Gelegenheiten gibt es mehr, als man denkt: die Wortmeldung auf dem Elternabend, der Bericht in der Vereinsversammlung, der Trinkspruch beim Geburtstag des Schwagers. Fang klein an. Wer mehr will, findet in Redeclubs wie Toastmasters oder in einem Debattierclub regelmäßige Übung mit Rückmeldung, und zwar von Leuten, die selbst wissen, wie sich das Herzklopfen vor dem ersten Satz anfühlt.
Bitte die Leute danach nicht um ein Urteil, sondern um genau zwei Sätze, die sie dir möglichst noch am selben Abend sagen: Was war gut, und was würdest du an meiner Stelle ändern? So bekommst du Hinweise, mit denen du arbeiten kannst. Ein höfliches „War doch prima“ hilft nicht. Ein Buch über Rhetorik ersetzt übrigens den Theorieteil eines Kurses ganz gut, für die Praxis bleibt es Papier.
Ein Übungsplatz mit Publikum
Eine weitere Bühne für Woche vier und alle Wochen danach ist die Schlaraffia, ein 1859 in Prag gegründeter Männerbund für Kunst, Freundschaft und Humor. Künstler muss dort niemand sein. Ihre Ortsvereine heißen Reyche und treffen sich in der Winterung, von Oktober bis April, meist wöchentlich oder alle 14 Tage zur Sippung, so heißt dort der gemeinsame Abend mit Vorträgen und viel Gelächter.
Wer mag, trägt dort eine Fechsung vor, das kann eine kurze Rede sein, ein Gedicht oder ein Stegreifbeitrag, und gelingt sie, ruft der Saal „Lulu!“. Das Publikum ist wohlwollend, die Pointen dürfen haken, und niemand verteilt Punkte, sodass du dort ausprobieren kannst, was du in der Küche mit dem Glas voller Zettel geübt hast. Als Pilger, also als Gast, kannst du dir das zuerst in Ruhe anhören. Reden musst du nicht.
Selbst erleben: Gastabend in deiner Nähe finden
Häufige Fragen
Lohnt sich ein Rhetorik-Online-Kurs?
Er kann helfen, wenn er Übungen mit Rückmeldung enthält. Reine Videokurse liefern Wissen, aber kein Publikum.
Was ist schwarze Rhetorik?
So nennt man Gesprächstechniken, die auf Manipulation zielen, etwa Unterstellungen oder Scheinfragen. Sie zu kennen hilft bei der Abwehr, anwenden sollte man sie besser nicht.
Wie werde ich beim Reden langsamer?
Setz im Manuskript nach jedem Satz einen Schrägstrich als Atemzeichen und halte dich daran. Was dir dabei viel zu langsam vorkommt, empfindet das Publikum meist als angenehm.
Antwort von Volker Roeber (Ritter Un-Bequem), Schlaraffia Eisenach · Veröffentlicht am
