Welche alten Traditionen leben heute noch?

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Kurz gesagt

Viele alte Traditionen leben heute noch, oft lebendiger als gedacht: Karneval und Fastnacht, Schützenfeste, Kirchweih, Sternsingen, das Biikebrennen in Nordfriesland, die Walz der Handwerksgesellen oder das Singen im Laienchor. Ein bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes sammelt solche Kulturformen seit 2013. Überleben tun sie dort, wo Menschen sie tatsächlich mitmachen.

Welche alten Traditionen gibt es in Deutschland noch?

Einen guten Überblick liefert das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Deutschland ist 2013 dem entsprechenden UNESCO-Übereinkommen beigetreten, und laut Wikipedia standen im März 2025 insgesamt 168 Einträge auf der Liste. Darunter ist erstaunlich viel Alltag:

  • Feste im Jahreslauf: Rheinischer Karneval, schwäbisch-alemannische Fastnacht, Biikebrennen am 21. Februar, Sternsingen um den Dreikönigstag
  • Handwerk: die Walz der Handwerksgesellen, Flößerei, Orgelbau und Orgelmusik
  • Geselligkeit: Skatspielen, Chormusik in Amateurchören, das Schützenwesen
  • Alltagskultur: die deutsche Brotkultur und die Genossenschaftsidee

Ja, Skat ist offiziell Kulturerbe. Wer also am Freitagabend mit zwei Kumpels in der Eckkneipe reizt und flucht, pflegt streng genommen ein Stück immaterielles Kulturgut, auch wenn das beim nächsten verlorenen Grand nur ein schwacher Trost ist.

Warum halten sich manche Traditionen und andere nicht?

Eine Tradition überlebt nicht, weil sie alt ist. Sie überlebt, weil es Menschen gibt, die sie jedes Jahr wieder auf die Beine stellen, mit festem Termin, festem Ort und einer Gemeinschaft, die sich darauf freut. Wenn der Letzte, der weiß, wie man den Maibaum aufstellt, wegzieht und niemand nachrückt, ist der Brauch schneller weg, als jedes Heimatmuseum ihn retten kann.

Gleichzeitig verändern sich lebendige Traditionen ständig. Der Rheinische Karneval reicht bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück, hat aber seine heutige bürgerliche Form erst im 19. Jahrhundert bekommen. Und ins Verzeichnis kommen auch junge Kulturformen: 2021 wurde die Demoszene aufgenommen, 2023 die Hip-Hop-Kultur in Heidelberg. Tradition heißt also nicht Stillstand. Gemeint ist eher, dass man etwas weitergibt.

Wie kann ich bei alten Traditionen mitmachen?

Einfacher, als du denkst, denn fast jede Tradition sucht Nachwuchs. Ein paar Wege, die in den meisten Orten funktionieren:

  • Frag im Rathaus oder beim Heimatverein, wer das Dorffest, die Kirchweih oder den Martinsumzug organisiert.
  • Geh zum nächsten Schützenfest oder zur Karnevalssitzung und sprich die Leute an, die Tische schleppen. Helfende Hände sind dort immer gefragt.
  • Probier einen Laienchor aus. Die meisten Chöre lassen dich ein paar Proben unverbindlich mitsingen.
  • Gründe eine Skatrunde mit festem Abend.

Rechne damit, dass du beim ersten Mal der Neue bist, der nicht weiß, wann man aufsteht und wann man sitzen bleibt. Das legt sich schnell. Traditionen leben von Wiederholung, und wer dreimal da war, gehört meistens schon ein bisschen dazu.

Achte bei der Auswahl darauf, ob noch jemand unter 60 mitmacht. Das ist kein Altersvorbehalt. Eine Tradition, in der drei Generationen nebeneinander stehen, hat beste Chancen, auch in zwanzig Jahren noch da zu sein, während eine Runde, die nur noch aus Gründungsmitgliedern besteht, oft eher ein Abschied als ein Anfang ist.

Was haben alte Traditionen mit Freundschaft zu tun?

Mehr, als man auf den ersten Blick meint. Traditionen liefern genau das, was Erwachsenen für neue Freundschaften oft fehlt: einen festen Termin, dieselben Leute und einen Anlass, über den man reden kann, ohne erst Smalltalk über das Wetter zu machen. Der Kommunikationsforscher Jeffrey Hall hat 2018 abgeschätzt, dass es rund 50 gemeinsame Stunden braucht, bis aus einem Bekannten ein lockerer Freund wird, rund 90 bis zum Freund und über 200 bis zur engen Freundschaft.

Rechne kurz nach. Wer jede Woche drei Stunden in der Chorprobe oder am Skattisch sitzt, hat die ersten 50 Stunden nach gut vier Monaten beisammen. Das schafft kein Grillabend im Jahr.

Eine Tradition seit 1859: die Schlaraffia

Auch die Schlaraffia ist so eine alte Tradition, die einfach weiterlebt. Gegründet wurde der Männerbund am 10. Oktober 1859 in Prag, und seitdem treffen sich Schlaraffen in der Winterung, vom 1. Oktober bis zum 30. April, meist einmal pro Woche, an manchen Orten alle 14 Tage, zur Sippung. Es gibt feste Abläufe, eine eigene Sprache, den Uhu als Wappentier und den Ruf „Lulu!“ als Beifall.

Im Kern geht es um Kunst, Freundschaft und Humor, und das Ritterwesen wird dabei augenzwinkernd parodiert. Wenn dich alte Bräuche reizen, die nicht im Museum stehen, sondern jeden Abend neu gespielt werden, komm als Pilger, also als Gast, in ein Reych in deiner Nähe. Der Schützenverein im Ort freut sich aber genauso über dich.

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Häufige Fragen

Was ist immaterielles Kulturerbe?

Gemeint sind lebendige Kulturformen wie Bräuche, Feste, Musik, Tanz, Theater und Handwerkstechniken, die von Menschen weitergegeben werden. Anders als ein Baudenkmal kann man sie nicht anfassen, nur mitmachen.

Was ist der Unterschied zwischen Brauch und Tradition?

Ein Brauch ist eine konkrete, wiederkehrende Handlung, etwa das Aufstellen des Maibaums. Tradition ist der weitere Begriff für alles, was über Generationen weitergegeben wird, also auch Wissen, Werte und Handwerk.

Kann eine neue Tradition entstehen?

Ja. Jede Tradition war einmal neu. Wer eine Sache mit festem Termin und denselben Leuten Jahr für Jahr wiederholt, legt den Grundstein dafür.

Antwort von Volker Roeber (Ritter Un-Bequem), Schlaraffia Eisenach · Veröffentlicht am

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