Zeit für mich trotz Familie: Geht das ohne schlechtes Gewissen?
Kurz gesagt
Ja, Zeit für mich geht auch mit Familie, und zwar ohne schlechtes Gewissen, wenn du sie als Teil deiner Verantwortung siehst und nicht als Flucht davor. Wer nie auftankt, wird gereizt und dünnhäutig. Ein paar Stunden pro Woche, fair abgesprochen und mit derselben Freiheit für die Partnerin, nützen am Ende der ganzen Familie.
Warum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Zeit für mich will?
Weil du es ernst meinst mit deiner Familie. Das schlechte Gewissen ist in den meisten Fällen kein Beweis für Egoismus, sondern für Verantwortungsgefühl. Viele Väter zwischen 30 und 50 haben einen vollen Job, wollen zu Hause mehr da sein, als sie es aus der eigenen Kindheit kennen, und rechnen jede freie Stunde gegen die Kinder auf. Am Ende bleibt für sie selbst die Zeit zwischen 22.30 Uhr und dem Einschlafen auf dem Sofa.
Dazu kommt ein Gedanke, der selten laut gesagt wird: „Sie hat auch keine Zeit für sich, also darf ich auch nicht.“ Das klingt fair. Es führt aber nur dazu, dass zwei Menschen gleichzeitig auf dem Zahnfleisch gehen.

Ist Zeit für mich egoistisch?
Nein. Egoistisch ist, wenn einer sich nimmt, was er braucht, und der andere still die Rechnung bezahlt. Zeit für sich, die abgesprochen ist und beiden Partnern zusteht, ist das Gegenteil davon, weil sie dafür sorgt, dass in der Familie niemand dauerhaft ausbrennt.
Ein Bild aus dem Flugzeug hilft. Im Notfall setzt du die Sauerstoffmaske zuerst dir selbst auf und dann dem Kind. Nicht, weil du wichtiger bist, sondern weil ein Vater ohne Luft niemandem hilft. Ein dauerhaft gereizter hilft auch nur begrenzt. Und Kinder lernen nebenbei etwas Wichtiges, wenn sie sehen, dass ihre Eltern eigene Interessen haben und trotzdem verlässlich da sind.
Was soll die Zeit für mich überhaupt bringen?
Freie Zeit ist nicht automatisch Erholung. Zwei Stunden allein mit dem Handy auf dem Sofa fühlen sich oft eher nach Flucht an als nach Auftanken. Gut tut meist das, was dich als Person ausmacht, jenseits von Vaterrolle und Job: ein Instrument, ein Sport, ein Projekt in der Werkstatt oder ein Abend mit Freunden.
Ein ehrlicher Test: Bist du nach deiner freien Zeit freundlicher zu Hause als vorher? Dann war es gute Zeit. Wenn du nach dem dritten Abend allein vor der Konsole eher mürrischer heimkommst, lohnt sich ein anderer Plan.
Es hilft auch, die eigene Zeit nicht heimlich zu nehmen. Wer sich abends mit schlechtem Gewissen in den Keller schleicht, hat weder Erholung noch Frieden. Offen abgesprochene Zeit fühlt sich anders an, weil du gehst, wenn es ausgemacht ist, und nicht, weil dir gerade die Flucht gelungen ist. Das schlechte Gewissen hat dann schlicht weniger Material.
Wie viel Zeit für sich ist fair?
Eine Formel gibt es nicht, aber eine Richtung. Fair ist, was beide Partner in ähnlichem Umfang bekommen und was die Familie trägt, ohne dass einer dauerhaft einspringt. Für viele Paare mit kleinen Kindern ist ein Abend pro Woche pro Person ein realistischer Anfang, für andere sind es zwei Stunden am Samstagvormittag.
Wichtiger als die Menge ist die Verlässlichkeit. Ein fester Termin entlastet auch den Kopf, weil du nicht jede Woche neu verhandeln und dich neu rechtfertigen musst. Wie du so einen Abend zu Hause ansprichst, ohne dass es nach Forderung klingt, ist eine eigene Frage. Der Uhu beantwortet sie auf einer eigenen Seite.
Eine Runde, in der du nicht Papa bist
Manche Männer finden ihre Zeit für sich in einer festen Runde, die mit Familie und Beruf nichts zu tun hat. Die Schlaraffia ist so eine Runde: ein Männerbund für Kunst, Freundschaft und Humor, gegründet 1859 in Prag. In der Winterung, von Oktober bis April, trifft man sich meist einmal pro Woche, an manchen Orten alle 14 Tage, zur Sippung. Im Sommer ruhen die Treffen, was der Urlaubsplanung entgegenkommt.
Zu besonderen Abenden und Unternehmungen sind vielerorts auch Partnerinnen und Familien dabei. Die Schlaraffia ist also keine Flucht vor der Familie, eher ein Ort, von dem du etwas mit nach Hause bringst. Wenn dich das reizt, komm als Pilger, also als Gast, und schau dir einen Abend an.
Selbst erleben: Gastabend in deiner Nähe finden
Häufige Fragen
Wie viel Zeit für sich braucht ein Mensch?
Das ist sehr unterschiedlich. Wichtiger als eine Zahl ist, dass die Zeit regelmäßig kommt und dass du danach spürbar ausgeruhter bist.
Was tun, wenn die Partnerin selbst keine Zeit für sich hat?
Dann ist das kein Grund zu verzichten, sondern ein Grund, gemeinsam umzuplanen. Biete an, ihren Abend genauso fest einzuplanen wie deinen.
Geht Zeit für mich auch mit Baby?
Ja, nur kürzer und flexibler. In den ersten Monaten ist es eher eine Stunde Sport oder ein Spaziergang als ein ganzer Abend.
Antwort von Volker Roeber (Ritter Un-Bequem), Schlaraffia Eisenach · Veröffentlicht am
