Allein sein oder einsam sein: Kann man lernen, gern allein zu sein?

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Kurz gesagt

Ja, gern allein sein lässt sich lernen. Allein sein beschreibt eine Situation, einsam sein ein Gefühl. Wer gern allein ist, hat die Zeit selbst gewählt und füllt sie mit etwas, das ihm guttut. Fang mit kurzen, bewussten Stunden ohne Handy an. Wichtig bleibt der Gegenpol: Am leichtesten ist allein, wer auch gern unter Menschen ist.

Was ist der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein?

Allein sein kannst du zählen: Es ist niemand im Raum. Einsamkeit dagegen findet im Kopf statt, als das Gefühl, dass dir Nähe fehlt, und sie kann dich auf einer Hochzeit mit 120 Gästen genauso erwischen wie in einer leeren Wohnung. Der Unterschied liegt in der Wahl. Wer sich einen Abend allein ausgesucht hat, genießt die Ruhe, wer ihn sich nicht ausgesucht hat, hört vor allem die Stille.

Ein Mann, der am Sonntagmorgen allein mit der Angel am See sitzt, ist selten einsam. Derselbe Mann kann sich am Sonntagabend auf dem Sofa sehr einsam fühlen, obwohl sich an der Zahl der Menschen um ihn herum überhaupt nichts geändert hat. Es kommt auf den Rahmen an.

Kann man lernen, gern allein zu sein?

Ja, und zwar wie fast alles: in kleinen Dosen. Viele Menschen halten Alleinsein schlecht aus, weil sie es kaum kennen, denn zwischen Großraumbüro, Familie, Podcast im Ohr und Handy in der Hand bleibt im Alltag kaum eine Minute ohne fremde Stimmen. Die Stille wirkt dann erst einmal laut. Mit etwas Übung legt sich das.

So kannst du anfangen:

  • Eine halbe Stunde am Tag ohne Handy, Radio und Fernseher, zum Beispiel beim Spazierengehen.
  • Einmal im Monat ein Termin mit dir selbst: allein ins Kino, ins Museum oder in ein Restaurant, mit einem Buch statt mit dem Telefon.
  • Etwas mit den Händen tun, das Konzentration braucht, ob Holz, Teig oder Gitarre.
  • Gedanken aufschreiben, statt sie im Kreis laufen zu lassen. Zehn Zeilen am Abend reichen.

Der Restaurantbesuch allein ist für viele die größte Hürde. Man fürchtet die Blicke der anderen Gäste, dabei schauen die meisten ohnehin auf ihren Teller, ihr Gegenüber oder die Rechnung und haben für den Mann am Ecktisch keinen einzigen Gedanken übrig. Beim zweiten Mal ist es normal.

Warum tut Alleinsein manchmal gut?

Weil im Alleinsein Dinge gelingen, die in Gesellschaft kaum möglich sind. Gedanken dürfen zu Ende gedacht werden, ohne dass jemand dazwischenfragt, und manche Entscheidung, die seit Monaten im Kopf kreist, sortiert sich bei einem langen Spaziergang fast von selbst. Schon die Antike schätzte die Muße. Gemeint war keine Faulheit, sondern freie Zeit, die einem selbst gehört.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Samstagvormittag, die Wohnung ist leer, du hast drei Stunden. Viele Männer füllen solche Lücken sofort mit Erledigungen, vom Ölwechsel bis zur Steuererklärung, weil freie Zeit ohne Aufgabe sich für sie irgendwie verdächtig anfühlt, fast wie Schwänzen. Versuch es einmal anders. Mach eine Sache, die keinen Zweck hat und dir trotzdem Freude macht.

Wann wird aus Alleinsein Einsamkeit?

Gutes Alleinsein lädt den Akku auf. Du kommst danach mit mehr Lust auf Menschen zurück, als du hinausgegangen bist. Kippt es, passiert das Gegenteil: Die Abende ziehen sich, du sagst Einladungen ab, weil sie dir zu anstrengend erscheinen, und merkst irgendwann, dass du seit Wochen mit niemandem mehr gesprochen hast, der nicht an einer Kasse saß.

Dann hilft kein weiteres Training im Alleinsein, sondern der Weg zurück zu anderen, in kleinen Schritten, etwa mit einem Anruf bei jemandem, der dir früher gutgetan hat, oder mit einem Abend in einer Runde, die keine Vorkenntnisse verlangt. Wer über Wochen niedergeschlagen ist, schlecht schläft oder keinen Ausweg sieht, spricht am besten mit seinem Hausarzt. Die TelefonSeelsorge ist unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar, auch per Chat. Das musst du nicht allein sortieren.

Gern allein, gern in Gesellschaft

Wer gut allein sein kann, ist oft auch die angenehmere Gesellschaft, weil er nicht jede Pause im Gespräch sofort füllen muss. Der Gegenpol gehört trotzdem dazu. Eine Möglichkeit dafür ist die Schlaraffia, ein Männerbund für Kunst, Freundschaft und Humor, der 1859 in Prag gegründet wurde und sein Ritterwesen mit viel Augenzwinkern pflegt.

In der Winterung, von Oktober bis April, treffen sich die Ortsvereine, Reyche genannt, meist wöchentlich, an manchen Orten alle 14 Tage, zur Sippung. Vortragen kann, wer mag. Ein Gedicht, eine kleine Rede oder ein Lied heißt dort Fechsung, also eigener Beitrag, und für so etwas sind stille Stunden am Schreibtisch, in denen dir niemand dazwischenredet, kein schlechter Anfang. Als Pilger, also als Gast, darfst du aber auch einfach nur zuhören.

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Häufige Fragen

Was tun, wenn ich nicht allein sein kann?

Klein anfangen: zehn Minuten ohne Handy, dann zwanzig. Wenn Alleinsein dauerhaft Angst oder starke Unruhe auslöst, lohnt sich ein Gespräch mit dem Hausarzt.

Ist es schlimm, lieber allein zu sein?

Nein. Manche Menschen brauchen mehr Zeit für sich als andere. Wichtig ist, dass du dich frei dafür entscheidest und dich nicht aus Rückzug versteckst.

Wie viel Zeit allein ist gesund?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Ein guter Maßstab ist, ob du nach der Zeit allein ausgeruht bist und wieder Lust auf andere hast.

Antwort von Volker Roeber (Ritter Un-Bequem), Schlaraffia Eisenach · Veröffentlicht am

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